Deutscher Gewerkschaftsbund

14.09.2017
Interview: Drei Fragen an Stefan Körzell

Tag des Handwerks: Gute Arbeit im Handwerk. Jetzt.

Am 16. September ist Tag des Handwerks. Eine gute Woche später finden die Bundestagswahlen statt. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell erläutert im Interview die handwerkspolitischen Forderungen des DGB zur Bundestagswahl und appelliert: „Wählen gehen“.

 
Wie kann das Handwerk als Arbeitgeber für Fachkräfte attraktiv werden?

Stefan Körzell: Die Grundbedingungen für „Gute Arbeit im Handwerk“ müssen in Deutschland als selbstverständlich akzeptiert werden: Zu „Guter Arbeit“ gehören neben einer starken Sozialpartnerschaft, Tarifbindung und guter Bildung auch ordnungspolitische Rahmenbedingungen und die soziale Absicherung für Solo-Selbstständige, die im Handwerk eine immer größere Gruppe werden.


Wie kann Gute Arbeit nachhaltig gesichert werden?

Stefan Körzell: Um „Gute Arbeit“ nachhaltig zu sichern, müssen Betriebsräte im Handwerk selbstverständlich werden. Um diese Herausforderung zu meistern, muss das Betriebsverfassungsgesetz weiterentwickelt werden. Für eine Stärkung der Sozialpartnerschaft und Tarifbindung im Handwerk sollte auch bei Handwerksbetrieben stärker geworben werden.
Leider nimmt derzeit die Tarifbindung kontinuierlich ab und damit auch die Attraktivität der Handwerksbranchen. Neue und qualifizierte Fachkräfte wird das Handwerk nur finden, wenn gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung und gerechte Bezahlung nach Tarif vorhanden sind.  Die Stärkung der Mitgliedschaft in Innungen und Gewerkschaften ist Basis für flächendeckende Tarifverträge. Gleichzeitig muss Mitgliedschaften in Innungen ohne Tarifbindung (OT) eine Absage erteilt werden. Hält die Entwicklung hin zu OT-Strukturen an, so fordern wir ordnungspolitische Maßnahmen. Die Handwerksordnung (HwO) muss dann im Sinne einer stärkeren Tarifbindung der Handwerksinnungen und Innungsverbände angepasst werden.
Die Handwerksorganisationen finanzieren sich mit bis zu 30 Prozent über öffentliche Fördermittel. Die Vergabe dieser Gelder sollte eine funktionierende Sozialpartnerschaft und Tarifbindung der Betriebe, Innungen und Verbände gebunden sein. Deshalb fordern wir, dass die Erfüllung von „Guter Arbeit“ und Tarifgebundenheit als verbindliche Fördervoraussetzung aufgenommen wird.

 

Wie steht es um die Aus- und Fortbildung im Handwerk?

Stefan Körzell: Die duale Berufsbildung in Deutschland bietet viele innovative und qualitativ hochwertige Möglichkeiten zur beruflichen Aus-, Fort- und Weiterbildung. Allerdings muss die Qualität der Ausbildung gesteigert und ausgebaut werden. Denn nur qualitativ hochwertige Ausbildungsgänge, realistische Übernahmechancen und faire Vergütung sichern Fachkräfte für ein innovatives Handwerk.

Das Lebensmittelhandwerk ist beispielsweise seit Jahren dafür bekannt, dass es in der Ausbildung eine hohe Zahl von Vertragsauflösungen und weit überdurchschnittlich hohe Misserfolgsquoten bei den Prüfungen gibt. Die DGB-Jugend befragt Jahr für Jahr weit mehr als 10.000 Azubis, wie zufrieden sie mit ihrer Ausbildung sind. Über die Jahre hinweg sind zwar 70 bis 75 Prozent zufrieden, Probleme gibt es aber seit Jahren konstant in den gleichen Ausbildungsberufen. Auch im aktuellen Ausbildungsreport gehören die Berufe im Lebensmittelhandwerk wieder dazu.

Die überbetrieblichen Berufsbildungsstätten und Kompetenzzentren leisten wichtige Beiträge zur Berufsorientierung und zur Unterstützung des ausbildenden Handwerks. Die ÜLU Bildungsstätten werden jährlich mit rund 74 Mio. Euro Bundesmitteln finanziert (Investition und Lehrgänge). Die Rahmenlehrpläne werden aber faktisch durch die Arbeitgeberverbände am Heinz-Piest-Institut für Handwerkstechnik (HPI) erarbeitet – unter Ausschluss der Gewerkschaften. Der DGB fordert, dieses Verfahren abzulösen und die Lehrpläne künftig im Rahmen der Neuordnungsverfahren beim BiBB (Bundesinstitut für Berufsbildung) zu erarbeiten, unter Einbeziehung der Sozialpartner. Die Bewilligung der steuerfinanzierten Lehrgangsförderung muss von einer verbindlichen Beteiligung der Sozialpartner abhängig gemacht werden.
Dann ist da noch das Thema Meisterbrief: Der Meisterbrief im Handwerk ist ein wesentliches Qualitätssiegel und Garant für die qualitativ hochwertige Ausbildung von Handwerkerinnen und Handwerkern. Bestrebungen auf europäischer Ebene, besondere Qualifikationsmöglichkeiten wie den Meisterbrief und die in vielen Bereichen des Handwerks geltende Meisterpflicht weiter einzuschränken, lehnen wir ab.


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