Deutscher Gewerkschaftsbund

05.12.2012
DGB und Hans-Böckler-Stiftung

Workshop: Arbeitsbeziehungen im Handwerk

ExpertInnen aus Handwerk, Gewerkschaften und Wissenschaft haben Mitte Oktober Probleme und Herausforderungen im Handwerk analysiert und diskutiert. Von der Tarifbindung in ausgewählten Handwerksbranchen, über die juristische Bewertung von OT-Mitgliedschaften in Handwerksinnungen bis hin zu aktuellen Problemen im KfZ-Handwerk –fundierte Beiträge lieferten neueste Erkenntnisse.

Das Handwerk ist trotz seiner großen wirtschaftlichen Bedeutung ein in der sozialwissenschaftlichen Forschung nach wie vor wenig beachteter Bereich. Zudem erlebt das Handwerk in den letzten Jahren einen massiven Strukturwandel. Dies sind nur einige Gründe, warum DGB und Hans-Böckler-Stiftung gemeinsam zum Workshop „Arbeitsbeziehungen im Handwerk“ eingeladen haben.


Prof Kluth HBS DGB

Professor Winfried Kluth erläutert die Ergebnisse eines Gutachtens zu OT-Mitgliedschaften in Handwerksinnungen Rainer Schnaars

WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Fachrichtungen haben ihre Forschungsergebnisse zu aktuellen Entwicklungen im Handwerk vorgestellt. So wie Stefanie Weimer, vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München. Sie hat untersucht, wie sich der Strukturwandel im Handwerk auf die betriebliche und überbetriebliche Interessenvertretung auswirkt. Ein Ergebnis ihrer Studie: Auch im Handwerk breiten sich mehrgliedrige Betriebsratsstrukturen aus. Allerdings sind diese Gesamt- oder Konzernbetriebsräte auf die Unterstützung durch die Gewerkschaften angewiesen, erklärt Weimer. Ferner werden Betriebsräte zusehends zu tarifpolitischen Akteuren. Allerdings bedeutet dies, dass verstärkt Haustarifverträge auf Kosten von Flächenregelungen abgeschlossen werden. Die Wissenschaftlerin warnt vor innergewerkschaftlichen Konflikten durch verlagerte tarifpolitische Kompetenzen und fordert Gewerkschaften und Betriebsräte auf, enger zusammenzuarbeiten.

Peter John und Detlef Perner haben in ihrem Projektvortrag dargestellt, wie die historische Entwicklung der Selbstverwaltung im Handwerk verlaufen ist und wie die Beschäftigten und die Gewerkschaften in der Vergangenheit im Handwerk für Mitbestimmung gekämpft haben.

Clemens Kraetsch von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg hat sich mit den Tarifbeziehungen im Bau- und Metallhandwerk befasst. Er stellt eine sinkende Zahl von Mitgliedern in den Handwerksinnungen fest. Ein Grund laut Kraetsch: Viele Unternehmen haben „keinen Sinn“ mehr für „Kollektivnutzen“. Zudem entscheiden sich viele auch aus Kosten-Nutzen-Kalkül gegen eine Innungsmitgliedschaft. Er konstatiert: Die Funktion der Innungen als Arbeitgeberverband spielt bei der Entscheidung für oder gegen einen Beitritt zu einer Innungen keine große Rolle. „Tarifpolitik ist im Alltag kaum ein Streitthema“, so der Wissenschaftler. Im Bauhandwerk spielen Innungs-Mitgliedschaften ohne Tarifbindung (OT-Mitgliedschaft) keine Rolle. Kraetsch prognostiziert grundsätzlich stabile Verhältnisse in den Branchen. Doch Innungsaustritte und personelle Veränderungen an den Spitzen der Innungen könnten jedoch zu „einer neuen Tarifpolitik führen“, bemerkt er.

Mit Blick auf das KfZ-Handwerk in Berlin analysiert Ulrich Bochum von der Gesellschaft für Innovation, Beratung und Service mbH: „Eine stabile Zukunft deutet sich zunächst nicht an.“ Als Gründe nennt er eine unrealistische Kalkulation beim Verkauf von Leasingautos auf Kosten der Händler sowie weitere Konzentrationsprozesse durch eine instabile ökonomische Lage. Die Lohnsteigerung von vier Prozent bezeichnet Bochum als positiv. Als Herausforderung für das KfZ-Handwerk in Berlin sieht er eine Aktualisierung von Tätigkeitsbeschreibungen im Entgelt-Rahmentarifvertrag.

Winfried Kluth, Richter am Landesverfassungsgericht Sachsen-Anhalt und Professor an der Universität Halle-Wittenberg, stellt erste Ergebnisse eines rechtswissenschaftlichen Gutachtens zur OT-Mitgliedschaft in Handwerksinnungen vor. Nach Abwägung verschiedener Argumente spricht sich Kluth gegen ein OT-Mitgliedschaften aus. So gehe diese Form zu Lasten der Tarifbindung. Zudem treffe die Koalitionsfreiheit bei Innungen nur marginal zu. Dem Beschluss des Verwaltungsgerichts Braunschweig (Urteil vom 17.03.2010, Az.: 1 A 272/08, 1 A 273/08 und 1 A 274/08) sei zuzustimmen, so Kluth. Die Begründung der Richter: Der Gesetzgeber habe die Innungen und Innungsverbände für tariffähig erklärt, um die Tarifautonomie im Handwerk auszubauen und den Gewerkschaften einen leistungskräftigen Tarifpartner gegenüberzustellen.

Stefan Lücking, Referatsleiter bei der Hans-Böckler-Stiftung und Mitorganisator des Workshop, bedankte sich bei den ReferentInnen für die fundierten Beiträge. Er bekundete, den Strukturwandel im Handwerk weiter wissenschaftlich  begleiten zu wollen.


Veranstaltungsdokumentation zum Download:

Dr. Peter John und Dr. Detlef Perner: Arbeitnehmermitwirkung und -mitbestimmung in Selbstverwaltungsorganisationen der Wirtschaft am Beispiel der Entwicklung der Selbstverwaltung des Handwerks - Inhalte, Entwicklung, Ergebnisse und Ist-Stand (pdf)

Dr. Stefanie Weimer, Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e. V. (ISF), München: Strukturwandel im Handwerk - Auswirkungen auf betriebliche und überbetriebliche Interessenvertretung im Handwerk (pdf)

Dr. Ulrich Bochum, Gesellschaft für Innovation, Beratung und Service (G IBS) mbH, Berlin: Branchenanalyse Kfz-Handwerk in Berlin - Auf dem Weg zum überlebensfähigen Autohaus? (pdf)

Clemens Kraetsch, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg: Tarifbeziehungen im Bau- und Metallhandwerk (pdf)

Prof. Dr. Winfried Kluth, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Richter am Landesverfassungsgericht: OT-Mitgliedschaften in Handwerksinnungen (pdf)


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